Künstliche Intelligenz beschleunigt Cyberangriffe enorm – doch viele Unternehmen scheitern noch an den Grundlagen der IT-Sicherheit. Im Interview erklärt Cybersicherheitsexperte Candid Wüest, warum Cyberkriminelle beim KI-Einsatz aktuell die Nase vorn haben, welche Unterschätzungen Schweizer KMU gefährden und worauf es beim Grundschutz heute wirklich ankommt.
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Interview mit Candid Wüest

Candid Wüest
Wer wird von den Entwicklungen mit KI mehr profitieren? Cyberkriminelle oder Sicherheitslösungen, die Anwender schützen?
Candid Wüest: Cyberkriminelle nutzen KI, um Phishing, Malwareentwicklung und das Ausnutzen von Schwachstellen massiv zu automatisieren und zu skalieren – ihre Angriffe werden damit deutlich schneller und präziser. Verteidiger erhalten mit KI zwar bessere Erkennung und mehr Automatisierung im SOC, aber der Effekt steht und fällt mit Datenqualität, solide etablierten Prozessen und konsequenter Nutzung – genau dort hapert es heute oft. Unterm Strich: Solange Basis-Hygiene und Transparenz in vielen Umgebungen fehlen, zieht die Angreiferseite aktuell mehr Geschwindigkeits- und Effizienzgewinn aus KI als die Verteidiger.
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Der Ransomware-Vorfall bei Jaguar/Land Rover hat in England 2025 einen Schaden in Milliardenhöhe verursacht. Werden Vorfälle in solchen Grössenordnungen künftig zunehmen?
Der JLR-Vorfall reiht sich in eine Serie von grossen Ransomware- und Supply-Chain-Angriffen ein, die Produktion und Lieferketten global stören – das ist kein Ausreisser, sondern Trend. Ursache ist weniger «neue Magie» der Angreifer als die hohe Komplexität der IT/OT-Landschaften, grosse digitale Abhängigkeiten und technische Schulden beim Grundschutz.
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Wo siehst du in Zukunft die grössten Risiken für Schweizer KMU?
Ransomware, «Business Email Compromise» und Phishing bleiben die zentralen Risiken – die Fallzahlen bei KMU steigen klar, trotzdem hält sich der Irrglaube «wir sind zu klein, um gehackt zu werden» erstaunlich hartnäckig. Schwachstellen in Firewalls, Proxies und Drittservices werden zunehmend als Einfallstor genutzt, während wachsende Geschwindigkeit und Automatisierung auf Angreiferseite die Reaktionszeiten von KMU weiter unter Druck setzen. Zusätzlich steigen die Abhängigkeiten von Dienstleistern, Cloud- und SaaS-Angeboten sowie von Lieferketten und Open-Source-Komponenten, deren Kompromittierung direkt auf das KMU durchschlägt. Künftig erwarte ich noch mehr Angriffe über gestohlene Credentials und über verwundbare KI-Systeme, bei denen sich Angreifer die Daten schlicht per Prompt liefern lassen.
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Neben regelmässigem Patchen und einer korrekt konfigurierten Firewall, was sollte ein IT-Verantwortlicher im Griff haben, um von Cyberangriffen möglichst verschont zu bleiben?
Die vier zentralen Bereiche sind:
1. Identitäten & Zugriffe: saubere IAM, MFA oder Passkey überall und Rollen mit minimalen Rechten.
2. Backups & Wiederherstellung: getestete, offline/immutable Backups, klar definierte Recovery-Ziele, dokumentierte und geübte Wiederanlaufprozesse.
3. Monitoring & Response: Logging über zentrale Plattform, Alarme für verdächtige Aktivitäten, definiertes Incident-Response-Playbook inkl. automatischer Reaktion.
4. Hardening & Basis-Hygiene: konsequente Härtung von Endpunkten, Servern und Cloud-Services (Baseline-Configs), Entfernung von Altlasten, Minimierung der Angriffsfläche (Exposed Services, Remote-Zugänge) sowie regelmässige technische Checks (z. B. Config-Reviews, kleine Pentests).
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Candid Wüest ist ein erfahrener Cybersicherheitsexperte mit über 25 Jahren Leidenschaft für diesen Bereich. Er arbeitet derzeit als Sicherheitsberater für verschiedene Organisationen. Wüest hat ein Buch und diverse Whitepaper veröffentlicht. Er ist ein gefragter Redner auf Sicherheitskonferenzen wie RSAC und Black Hat und Organisator von AREA41. Er besitzt einen Master in Informatik von der ETH und hält diverse Patente und Zertifizierungen.
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Am 5. November 2026 wird Candid Wüest am Studerus Technology Forum ein Referat zum Thema «Einfluss von KI auf Cybersecurity – Ist KI ein Game-Changer für Cyberattacken?» halten. Möchten Sie mehr darüber erfahren? Dann sichern Sie sich jetzt Ihr TEFO-Ticket.
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