Künstliche Intelligenz ist nach wie vor das grosse Thema in der IT-Welt – und auch am TEFO 25. Wir haben uns mit dem KI-Experten Prof. Dr. Marc Pouly über die neuesten Entwicklungen unterhalten und ihn gefragt, wie Schweizer KMUs die KI sinnvoll einsetzen können.

.

Interview mit Prof. Dr. Marc Pouly

Prof. Dr. Marc Pouly

Was begeistert Sie selbst im Moment am meisten an den Entwicklungen in der KI?

Prof. Dr. Marc Pouly: ​In der Forschung gibt es viele spannende Entwicklungen rund um sogenannte Weltmodelle (engl. world models). Das sind vereinfacht gesagt KI-Modelle, welche die Physik und Gegebenheiten unserer Welt verstehen. Was ist eine realistische Flugbahn eines geworfenen Balls in einem generierten Video, wie reagiert ein Roboterarm auf das Gewicht eines Objekts etc.? Skalierbare Trainingsmethoden zu entwickeln, welche dieses elementare physikalische Verständnis aus Daten erlernen können, ist eine grosse Herausforderung. Näher an der Anwendung haben mich im September natürlich die Arbeiten der Kolleginnen und Kollegen der ETH und EPFL rund um das neue Schweizer KI-Modell Apertus (siehe Medienmitteilung) begeistert.

.

Was war Ihr persönlicher «Aha-Moment», als Sie gemerkt haben, dass KI die IT-Landschaft nachhaltig verändern wird?

Dieser Moment war 2015, als ein KI-Modell namens ResNet zum ersten Mal eine dem Menschen ebenbürtige Leistung in der Erkennung von Objekten auf Bildern zeigte. Im Gegensatz zu unschlagbarem Schachspiel ist das Erkennen von Objekten nämlich eine universell anwendbare Fähigkeit. Etwas überspitzt gesagt: Computer haben 2015 das Sehen gelernt. Ihre Leserinnen und Leser haben heute schon dutzende Male mit dieser Technologie interagiert. Das letzte Mal, als sie das Handy mit Gesichtserkennung freigeschaltet haben, um dieses Interview zu lesen. Vielleicht spielt Ihre Frage aber mehr auf die generative KI an. Ganz ehrlich, als am 30. November 2022 ChatGPT auf die Menschheit losgelassen wurde, hat das subjektive Qualitätsempfinden dieser Technologie auch mich vom Stuhl gehauen. Wir kannten die zugrundeliegende Technologie sehr gut, vieles davon wurde bereits 2017 (Transformer) und 2018 (GPT) publiziert, und wir hatten solche Modelle (im Kleinen) schon zig Mal für unsere Auftraggeber gebaut. Trotzdem war es auch für uns ein grosser Aha-Effekt, zu erleben, was durch Skalierung mit kaum fassbaren Datenmengen und Rechenressourcen erreicht werden konnte.

.

Viele KMU fragen sich bei KI: «Wo anfangen?» Welche ersten, realistischen Schritte empfehlen Sie, um KI sinnvoll einzusetzen?

Der Einsatz von KI ist ein Transformationsprozess – die Herausforderungen sind nicht technischer Natur. Es geht um Strategie, Datenmanagement, Verständnis der eigenen Prozesse, bis hin zu kulturellen Herausforderungen wie dem Umgang mit Verunsicherung der Mitarbeitenden. Ich beobachte in vielen Firmen, dass die einfachsten unternehmerischen Regeln vergessen werden: Automatisieren Sie nur, wenn es sich lohnt und wenn Sie die Performance messen können etc. Viele KMUs scheinen auch aufgrund rechtlicher Bedenken (Datenschutz, Urheberschutz, Haftung) in eine Art Schockstarre verfallen zu sein. Dabei gibt es dazu oftmals keinen Grund – gerade in der Schweiz durchdringt die KI auch hochregulierte Sektoren immer mehr.

.

Was denken Sie, wie sich die Rolle von IT-Dienstleistern im KI-Zeitalter verändern wird?

In der Softwareentwicklung ist die KI längst über entsprechende Tools zur unverzichtbaren Mitarbeiterin geworden, und da spreche ich noch nicht mal von Vibe-Coding und anderen Trends. Der First-Level-Support von IT-Dienstleistern ist darüber hinaus ein Paradebeispiel für messbare Automatisierung. Weiter bringt die aktuelle Bewegung von LLM hin zu spezialisierten SLM (small language models) viele Opportunitäten für Private-Cloud-Anbieter, die entsprechende Modelle für KMUs hosten und damit viele rechtliche Barrieren aus dem Weg räumen. Schlussendlich werden kostengünstigere und effizientere IT-Projekte gerade in der Schweiz wieder zu mehr Backshoring führen. Ich blicke da sehr positiv in die Zukunft.

.


.

Prof. Dr. Marc Pouly ist Dozent für Künstliche Intelligenz (KI) an der Hochschule Luzern. Als Co-Leiter des Applied Artificial Intelligence Lab (AAI) unterstützt er Schweizer und internationale Unternehmen in der Umsetzung und Integration von KI-Technologien. Marc Pouly gilt als einer der führenden Experten für Künstliche Intelligenz und Maschinelles Lernen.

.

Am 13. November 2025 wird Marc Pouly am Technology Forum ein Referat zum Thema «Einfluss von Künstlicher Intelligenz auf IT und KMU» halten. Möchten Sie mehr darüber erfahren? Dann sichern Sie sich jetzt Ihr TEFO-Ticket.

.

Autor

Claudio Cola, Communication Manager, Studerus AG

Mehr zum Thema