Von der ersten Begeisterung zum messbaren Business Case: Während die individuelle Nutzung von KI-Tools boomt, stehen Schweizer KMU bei der strategischen Integration oft erst am Anfang. Prof. Dr. Marc K. Peter beleuchtet im Interview, wie Unternehmen aus KI-Experimenten verlässliche Anwendungsfälle machen – und welche neuen Chancen sich dadurch auch für IT-Dienstleister eröffnen.

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Interview mit Prof. Dr. Marc K. Peter

Marc K. Peter

Marc K. Peter

Viele Schweizer KMU haben erste KI-Tools getestet, stehen bei einer strukturierten Strategie aber noch am Anfang. Wie ordnen Sie das ein?

Marc K. Peter: Wir müssen zwischen der individuellen Nutzung eines KI-Tools und der strategischen Nutzung von KI im Unternehmen unterscheiden. Wer Texte schneller erstellt, erzielt möglicherweise einen persönlichen Produktivitätsgewinn. Strategischer Mehrwert entsteht aber erst, wenn KI gezielt Produkte, Dienstleistungen und Geschäftsprozesse verbessert. Gemäss der Cyberstudie 2025 hatten bisher nur 9 % der Schweizer KMU ein strategisches KI-Projekt implementiert. Meine Kernbotschaft lautet deshalb: Ein getestetes KI-Tool ist noch keine KI-Strategie. Entscheidend ist, welche Geschäftsziele verfolgt werden, wo KI einen messbaren Beitrag leisten kann und welche Daten, Kompetenzen und organisatorischen Veränderungen dafür notwendig sind.

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Warum braucht ein KMU heute eine eigene KI-Roadmap, und wie unterscheidet sich diese von einer klassischen Digitalisierungsstrategie?

Ich würde differenzieren: Nicht jedes KMU braucht sofort eine eigene KI-Roadmap, aber jedes KMU sollte bewusst prüfen, welche Chancen und Veränderungen KI für sein Geschäft bedeutet. Eine Roadmap übersetzt diese Prüfung in priorisierte Vorhaben mit klaren Zielen, Verantwortlichkeiten und Anforderungen an Daten und Ressourcen. Sie verhindert, dass einzelne Experimente ohne Verbindung zur Unternehmensstrategie bleiben. Die KI-Roadmap ist dabei keine Konkurrenz zur Digitalisierungsstrategie, sondern deren gezielte Weiterentwicklung. Zusätzlich zur Vernetzung und Digitalisierung von Abläufen geht es darum, wie KI wissensintensive Aufgaben, Analysen und Entscheidungen unterstützt und wie Mensch und KI zusammenarbeiten. Deshalb reicht die Planung bis in den laufenden Betrieb: Unsere publizierte KI-Strategie-Methodik unterscheidet hierbei die drei Phasen «Design, Build, Run», welche Potenzialerkennung, Umsetzung und verantwortungsvolle Nutzung zusammenbringen.

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Welcher Schritt bei der Identifikation von KI-Potenzialen fällt KMU in der Praxis am schwersten?

Aus den in unseren Studien beschriebenen Herausforderungen und Praxisbeispielen würde ich vor allem einen Schritt hervorheben: von der Begeisterung für ein Tool zu einer präzisen, geschäftlich relevanten Problemstellung zu gelangen. Die entscheidende Frage ist nicht «Was kann diese KI?», sondern «Welches konkrete Problem wollen wir für unsere Kundschaft oder unsere Mitarbeitenden lösen?». Fehlendes Wissen über Einsatzmöglichkeiten und die Schwierigkeit, einen klaren Business Case zu definieren, haben wir in vielen Praxisfallstudien als Herausforderung identifiziert. In unserem Praxisleitfaden betrachten wir Marktpotenziale und Fähigkeiten, visualisieren Prozesse und identifizieren darin wissens- und datenintensive Aufgaben. Anschliessend bewerten wir Nutzen und Machbarkeit, einschliesslich Datenverfügbarkeit, Kompetenzen, Aufwand und Risiken. So wird aus einer allgemeinen Idee ein überprüfbarer Anwendungsfall mit messbaren Zielen.

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Wie verändert die KI-Welle das Geschäftsmodell von IT-Dienstleistern, und wo liegt die grösste Chance?

Ich sehe die grösste Chance darin, vom Technologieanbieter zum Partner/zur Partnerin für strategische Unternehmensinitiativen zu werden. Der Verkauf einer Lizenz ist nur ein Teil der Aufgabe. Unternehmen benötigen Unterstützung bei der Auswahl geeigneter Anwendungsfälle, der Aufbereitung ihrer Daten, der Integration in bestehende Systeme und der Einführung in den Arbeitsalltag. Die Methodik und die Fallstudien zeigen, wie eng diese Aufgaben zusammenhängen. Für IT-Händler und Dienstleister lässt sich daraus ein erweitertes Angebot ableiten: Potenzialworkshops, Umsetzung und Integration, Schulung sowie laufende Betreuung und Qualitätssicherung. Besonders attraktiv erscheint mir die Verbindung von Branchenwissen und technischer Kompetenz. Wer die Prozesse seiner Kundschaft versteht, kann besser beurteilen, ob eine Standardfunktion genügt oder eine angepasste Lösung erforderlich ist. Nicht das KI-Tool allein, sondern seine wirksame Einbettung schafft den Mehrwert.

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Welche typischen Stolpersteine sehen Sie beim Abwägen von KI-Chancen und Sicherheitsrisiken?

Ich würde drei Stolpersteine hervorheben. Erstens werden KI-Tools genutzt, ohne ausreichend zu klären, welche vertraulichen Informationen eingegeben werden dürfen. Zweitens werden überzeugend formulierte Ergebnisse mit verlässlichen Ergebnissen verwechselt. Drittens fehlen klare Zuständigkeiten, Nutzungsregeln und Schulungen. Meine Empfehlung ist deshalb: Es benötigt eine KI-Strategiediskussion (und im besten Fall die eingangs erwähnte KI-Roadmap). Nutzen und Sicherheit sollen gemeinsam geplant werden (und nicht nacheinander). Für jeden Anwendungsfall sollten KMU den erwarteten Nutzen, die Sensibilität der Daten, mögliche Fehlerfolgen und notwendige Kontrollen prüfen. Dazu gehören eine sorgfältige Anbieterwahl, passende Zugriffsrechte, menschliche Überprüfung und kontinuierliche Schulung. Ein klar abgegrenztes Pilotprojekt ermöglicht es, Erfahrungen zu sammeln, ohne unkontrolliert zu skalieren.

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Prof. Dr. Marc K. Peter erforscht seit vielen Jahren die Treiber und Barrieren der digitalen Transformation in Schweizer KMU. Er ist Dozent für Digital Business an der HES-SO School of Management im Wallis und bei Rochester-Bern Executive Programs an der Universität Bern. Er wurde von digitalswitzerland und Bilanz zum «Digital Shaper 2026» gewählt. Seine Praxishandbücher sind im Verlag Handelszeitung & Beobachter Edition erschienen.

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Am 5. November 2026 wird Prof. Dr. Marc K. Peter am Technology Forum ein Referat zum Thema «Wer hat bereits eine KI-Roadmap? – Konzepte, Praxisbeispiele, Vorlagen und Workshop-Tools für KMU und IT-Händler» halten. Möchten Sie mehr darüber erfahren? Dann sichern Sie sich jetzt Ihr TEFO-Ticket.

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